
Die EU-Gesundheitsminister warnen?
Nanny des Monats
März 2010: Reinhold Robbe
Als Wehrbeauftragter des Bundestages unterhielten Sie die Nation in den letzten Wochen mit Geschichten über schlimme Vorfälle in unserer stolzen Truppe. Wenn zirka Zwanzigjährige aufeinandertreffen, möglicherweise zum allerersten Male für längere Zeit von Mami und Papi fort, eventuell in ihrer Denkfähigkeit durch überschießende Hormonproduktion stark behindert, außerdem unwillens oder unfähig, sich dem zwangsweisen Kriegsdienst zu entziehen – dann kann es tatsächlich mal vorkommen, daß es weniger gesittet zugeht als beim Kräuterteekränzchen mit ökologisch korrektem Jutegeschirr im von Spontanvegetation geprägten Garten mit Polly Pupspüppchen? Einer erschütterten Öffentlichkeit (oder zumindest stets sachlich und objektiv berichtenden Medien, die stets dankbar ist, wenn sie „Skandal“ kreischen kann) erzählten Sie von unbeschreiblich grausamen Aufnahmeritualen: Bundeswehrrekruten sollen gezwungen worden sein, von roher Schweineleber zu naschen (obwohl doch wirklich jeder weiß, daß Hähnchenleber viel besser schmeckt), Feuerwasser zu trinken (also noch mehr als sie wollten), über den Boden zu robben (Wortspiel nicht beabsichtigt) und sich sogar nackig zu machen.
Schon kursieren weitere schlimme Klagen über unmenschliche Behandlung: Frischgebackene Soldaten, welche zur Armee gegangen sind, um Feuerwehrleute auszubilden, Krankenhäuser zu bauen und kleine, großäugige Mädchen zur Schule zu bringen, sollen von schwersten Mißhandlungen berichten wie Nacktduschen (auch mit kaltem Wasser und wenn nicht alle anderen versprochen haben, nicht zu gucken), Freiluftübungen bei unter zehn Grad, regelmäßiges Schrubben mit der Zahnbürste (Zähne, Zahnfleisch, Zunge), Waffenputzen ohne Rücksicht auf frisch manikürte Fingernägel oder Benutzen farblich nicht auf das Ambiente abgestimmter Bettdecken. Zudem geht das schockierende Gerücht um, in Gebieten mit kriegsähnlichen Zuständen würde mit richtiger, scharfer Munition geschossen. Folglich bestünde Gefahr für Leib und Leben. Der Soldaten wohlbemerkt, nicht nur der Leute, die sie beschützen sollen. Dem sollten Sie dringend mal nachgehen, Herr Robbe!
Bereits wissen werden Sie aber sicher, was der eigentliche Auslöser auch hinter diesen entwürdigenden Exzessen ist: der Teufel Alkohol! Ja, erschreckend und alarmierend viele Menschen bei der Fahne haben auch eine solche. Denn, so haben Sie feststellen müssen, unsere Jungs bei der Bundeswehr trinken gerne mal einen. Sogar über den Durst. Es hat eben auch seine Nachteile, wenn man nicht beim Kommiß gewesen ist. Oder wenn man als Bundestagsabgeordneter oder Bundestagsbeauftragter bei seiner freitäglichen Heimreise aus Bonn bzw. Berlin immer nur die erste Klasse benutzt, um möglichst weit weg zu sein vom Pöbel, äh, den lieben Wählerinnen und Wählern.
Aber nun nutzt eine Recherche in den weniger behaglichen Regionen eines Zuges auch nichts mehr. Nicht weil Ihre Partei, die SPD, sowieso kaum mehr aus dem Zwanzig-Prozent-Tal herauskommen wird, oder Sie wenig Chancen auf eine dies Jahr anstehende Wiederwahl als Wehrbeauftragter haben dürften – trotz Ihres jetzt gestarteten Profilierungsversuchs. Sondern vor allem, weil Sie ja sowieso schon wissen, was Sie als nächstes wollen, und wodurch Sie auch die Auszeichnung als Nanny des Monats errungen haben: Ein Alkoholverbot für Soldaten, in der gesamten Kaserne und schließlich auch außerhalb des Dienstes. Damit endlich einmal wieder zwar nicht der Krieg als Vater aller Dinge wirken kann, aber wenigstens unser Militär als Vorreiter und – was den Nachwuchs angeht – Schule der Nation. Einer Nation, in der ein umfassendes Alkoholverbot gerade vorbereitet wird, überraschenderweise mit der Salamitaktik, welche man so erfolgreich auf dem Anti-Tabak-Kreuzzug angewandt hat: Dies und jenes zum Skandal aufbauschen, Zusammenhänge zusammenschustern, dadurch dringenden Handlungsbedarf schaffen, Verbot an Verbot aneinanderreihen, dann endgültig zuschlagen.
Und nicht vergessen, Herr Robbe: Nach dem Tabak und dem Alkohol kommt der Kaffee dran!